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Resilienz ist kein Reparaturbetrieb für schlechte Arbeitsbedingungen

vor 15 Stunden
6 Min. Lesezeit

„Ihr müsst resilienter werden.“


Ein bemerkenswert praktischer Satz.

Vor allem für Organisationen.


Denn mit wenigen Worten lässt sich ein komplexes Problem elegant verschieben. Hohe Arbeitsbelastung, Personalmangel, fehlende Pausen, permanente Erreichbarkeit, Konflikte, schlechte Führung oder dauerhaft zu hohe Anforderungen werden plötzlich zu einer Frage persönlicher Widerstandskraft.


Wer damit nicht mehr gut zurechtkommt, müsste dann eben an seiner Resilienz arbeiten.

Das klingt modern. Verantwortungsbewusst. Fast fürsorglich.


Es kann aber fachlich ziemlich danebenliegen.


Denn Resilienz bedeutet nicht, Menschen so widerstandsfähig zu machen, dass schlechte Bedingungen ihnen nichts mehr ausmachen.


Und sie ist schon gar kein Reparaturbetrieb, in den erschöpfte Mitarbeitende geschickt werden, damit sie anschließend wieder möglichst störungsfrei funktionieren.



Resilienz bedeutet nicht: mehr aushalten


Gerade im Rettungsdienst hält sich eine Vorstellung erstaunlich hartnäckig: Wer viel aushält, ist belastbar. Wer sehr viel aushält, ist resilient. Und wer irgendwann nicht mehr kann, hat offenbar ein persönliches Problem.


Das ist eine angenehme Erklärung.

Nur keine besonders gute.


Resilienz ist weder Härte noch emotionale Unberührtheit. Sie bedeutet auch nicht, dauerhaft unter hoher Belastung funktionieren zu können.

Resilienz beschreibt vielmehr einen Prozess. Ein System passt sich unter Belastung an und kann nach Phasen erhöhter Aktivierung wieder in einen regulierbaren Zustand zurückfinden.


Dieses System kann ein einzelner Mensch sein.

Aber auch ein Team.

Oder eine Organisation.


Und damit wird die Sache plötzlich komplizierter.


Denn dann können wir Resilienz nicht mehr ausschließlich bei der Person suchen, die morgens die Dienstkleidung anzieht.



Der Rettungsdienst ist nicht deshalb belastend, weil seine Mitarbeitenden falsch mit Stress umgehen


Belastung gehört zum Rettungsdienst.


Unvorhersehbare Einsatzlagen, Zeitdruck, Verantwortung, Schichtdienst, emotionale Situationen und die Notwendigkeit, innerhalb kurzer Zeit handlungsfähig zu sein, lassen sich nicht vollständig beseitigen.


Das wäre auch eine absurde Erwartung.


Ein Rettungsdienst ohne Belastung wäre vermutlich ein Rettungsdienst ohne Einsätze.

Entscheidend ist deshalb nicht, Belastung grundsätzlich zu verhindern. Entscheidend ist, wie lange ein System aktiviert bleibt und welche Möglichkeiten zur Rückführung und Erholung tatsächlich vorhanden sind.


Genau an dieser Stelle wird aus einer individuellen Frage eine organisationale.

Denn Menschen können lernen, ihre eigenen Stressreaktionen besser zu verstehen. Sie können Regulation trainieren. Sie können Grenzen früher wahrnehmen, Kommunikation verändern, hilfreiche Routinen entwickeln und bewusster mit Belastung umgehen.


Das ist sinnvoll.


Aber individuelle Regulation verändert keine Personaldecke.

Sie ersetzt keine Pause.

Sie korrigiert keine dauerhaft dysfunktionale Führung.

Sie beseitigt keine widersprüchlichen Anforderungen.

Und sie verlängert den Tag auch nicht auf 27 Stunden, falls die Organisation noch drei zusätzliche Aufgaben unterbringen möchte.



Ein Nervensystem lässt sich nicht wegmotivieren


Der menschliche Körper reagiert auf Anforderungen.

Das ist keine Frage der Einstellung.


Unter Belastung erhöht sich die Aktivierung. Aufmerksamkeit wird fokussiert, Energie wird bereitgestellt und der Organismus stellt sich auf Handlung ein.

Im Einsatz ist genau das notwendig.


Problematisch wird nicht die Aktivierung selbst. Problematisch wird ihre Dauer.

Wenn auf einen anstrengenden Dienst keine ausreichende Erholung folgt, wenn Schlaf regelmäßig gestört wird, wenn Pausen nicht verlässlich stattfinden, wenn Konflikte zusätzlich Energie binden oder bereits der nächste Dienst wieder erhöhte Bereitschaft verlangt, muss der Körper immer wieder Anpassungsleistung erbringen.

Menschen können das erstaunlich lange.

Und genau darin liegt eine Gefahr.


Denn Funktionieren ist kein zuverlässiger Beweis dafür, dass ein System ausreichend Ressourcen besitzt.


Man kann zuverlässig zum Dienst erscheinen, professionell arbeiten, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und trotzdem zunehmend weniger Reserve haben.

Nach außen läuft der Betrieb.

Innen wird er teurer.



Genau hier wird Resilienz manchmal missbraucht


Nicht zwingend absichtlich.


Viele Organisationen investieren inzwischen ernsthaft in Resilienz, Gesundheitsförderung, Stressmanagement oder psychologische Unterstützung. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung.


Problematisch wird es dort, wo solche Maßnahmen eine Botschaft transportieren, die niemand offen aussprechen würde:

Die Bedingungen bleiben, wie sie sind. Aber du lernst bitte, besser damit klarzukommen.

Dann wird aus Resilienzförderung Anpassungstraining.


Ein Workshop kann Mitarbeitenden helfen, Belastung besser zu verstehen.

Er kann erklären, warum der Körper nach bestimmten Einsätzen nicht sofort herunterfährt.

Er kann Regulation ermöglichen.

Er kann Kommunikation verbessern.

Er kann Reflexion anstoßen.


Was er nicht kann, ist ein strukturelles Problem in ein individuelles lösbares Problem verwandeln.


Wenn Mitarbeitende lernen, ihre Belastungsgrenzen früher wahrzunehmen, die Organisation diese Grenzen aber systematisch ignoriert, entsteht keine Resilienz.

Es entsteht ein ziemlich gut informiertes Problem.



Das bedeutet nicht, dass immer „das System“ schuld ist


Auch das wäre zu einfach.


Der Verweis auf strukturelle Verantwortung darf nicht zur eleganten Gegenbewegung werden, bei der individuelle Verantwortung plötzlich verschwindet.

Menschen haben Handlungsspielräume.


Sie können lernen, ihre eigenen Reaktionen einzuordnen.

Sie können entscheiden, wie sie mit Kollegen kommunizieren.

Sie können Unterstützung annehmen.

Sie können Grenzen benennen.

Sie können Routinen verändern.

Sie können Verantwortung für Regeneration übernehmen, soweit diese tatsächlich in ihrem Einflussbereich liegt.

Und Führungskräfte können führen.


Nicht jedes Problem auf einer Rettungswache ist strukturell.

Nicht jeder Konflikt ist Folge des Personalmangels.

Nicht jedes schwierige Verhalten lässt sich mit Stress erklären.

Und nicht jede Organisation kann sämtliche Belastung beseitigen.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wer ist schuld?


Sondern:

Wo liegt welche Verantwortung?

Das ist weniger bequem. Aber erheblich brauchbarer.



Drei Ebenen statt einer


Wenn Resilienz im Rettungsdienst ernst gemeint ist, muss sie mindestens auf drei Ebenen betrachtet werden.


Auf der individuellen Ebene geht es um Wissen, Wahrnehmung, Regulation, Erholung und den eigenen Umgang mit Belastung.


Auf der Teamebene geht es um Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, Fehlerkultur, soziale Sicherheit und darum, wie mit Belastungsreaktionen anderer umgegangen wird.


Auf organisationaler Ebene geht es um Rahmenbedingungen, Führung, Arbeitsorganisation, Ressourcen, Pausenmöglichkeiten, Dienstplanung und die Frage, welche Anforderungen dauerhaft an Menschen gestellt werden.


Diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig.


Ein Mensch kann hervorragend regulieren und trotzdem in einem dauerhaft dysfunktionalen System erschöpfen.

Ein Unternehmen kann gute Rahmenbedingungen schaffen und trotzdem Mitarbeitende beschäftigen, die ihre eigenen Grenzen konsequent ignorieren.

Und ein Team kann individuelle Belastung auffangen oder zusätzlich verstärken.

Deshalb ist die Suche nach einer einzigen Ursache meistens Zeitverschwendung.



Ein Obstkorb reguliert kein Nervensystem


Betriebliche Gesundheitsförderung hat gelegentlich eine bemerkenswerte Vorliebe für sichtbare Maßnahmen.


Gesundheitstag.

Achtsamkeitsangebot.

Obst.

Vielleicht noch eine App.


Dagegen ist nichts einzuwenden.

Ein Apfel hat schließlich niemandem etwas getan.

Nur sollte man ihn nicht mit Organisationsentwicklung verwechseln.

Wenn Beschäftigte gleichzeitig keine verlässlichen Erholungsmöglichkeiten haben, Führungskräfte chronisch überlastet sind, Konflikte nicht bearbeitet werden und Personalmangel zum permanenten Betriebsmodus geworden ist, wird aus Gesundheitsförderung schnell Symbolpolitik.


Menschen merken diesen Widerspruch.


Man kann ihnen morgens erklären, wie wichtig Regeneration ist und sie nachmittags daran hindern, tatsächlich zu regenerieren.


Das Problem ist dann nicht mangelndes Wissen.

Das Problem ist mangelnde Passung zwischen Botschaft und Realität.



Gute Resilienzförderung macht Menschen nicht anspruchsloser


Sie macht sie informierter.


Menschen verstehen besser, was Belastung mit ihnen macht.

Sie erkennen früher, wann ihre Reserven kleiner werden.

Sie können unterscheiden, was sie selbst beeinflussen können und wo ihre Möglichkeiten enden.


Und genau deshalb kann ernst gemeinte Resilienzförderung für Organisationen durchaus unbequem werden.


Denn wer Zusammenhänge versteht, stellt bessere Fragen.

Warum passiert das immer wieder?

Warum ist dieser Zustand inzwischen normal?

Was können wir selbst verändern?

Was muss das Team verändern?

Was liegt bei der Führung?

Und welche Rahmenbedingungen müssen organisational betrachtet werden?


Das ist keine mangelnde Resilienz.

Das ist professionelle Reflexion.



Führung spielt dabei eine entscheidende Rolle


Führungskräfte stehen an einer schwierigen Schnittstelle.

Sie können viele strukturelle Bedingungen nicht selbst verändern. Eine Wachleitung kann keinen Fachkräftemangel abschaffen und nicht jede Entscheidung der Geschäftsführung korrigieren.


Aber Führung beeinflusst, wie mit Belastung umgegangen wird.

Ob Mitarbeitende Belastung ansprechen dürfen.

Ob Erschöpfung sofort als Schwäche bewertet wird.

Ob nach schwierigen Einsätzen Raum entsteht.

Ob Konflikte früh bearbeitet oder jahrelang konserviert werden.

Ob Grenzen ernst genommen werden.

Und ob Resilienz als Unterstützung verstanden wird oder als nächste Leistungsanforderung.


Deshalb braucht auch Führung einen realistischen Blick auf ihren eigenen Einflussbereich.

Nicht alles liegt in ihrer Verantwortung.

Aber einiges eben schon.



Resilienzförderung darf keine zusätzliche Aufgabe auf einer ohnehin vollen Liste werden


Auch das wird gern übersehen.


Menschen arbeiten unter hoher Belastung und erhalten anschließend eine weitere Aufgabe:

Jetzt kümmere dich bitte noch um deine Resilienz.

Meditiere.

Reflektiere.

Schlafe ausreichend.

Treibe Sport.

Pflege soziale Kontakte.

Reguliere dein Nervensystem.

Achte auf deine Ernährung.

Und denk positiv.


Am besten zwischen zwei Zwölfstundendiensten.

Damit wird aus einem eigentlich hilfreichen Konzept die nächste Optimierungsanforderung.


Resilienz sollte Belastung nicht moralisch aufladen.


Wer nach einem schwierigen Dienst keine Atemübung machen möchte, hat nicht versagt.

Wer erschöpft ist, ist nicht automatisch schlecht reguliert.

Und wer Unterstützung braucht, ist nicht weniger professionell.


Resilienz ist kein Wettbewerb darin, wer sein Nervensystem am effizientesten verwaltet.



Die bessere Frage lautet nicht: Wie machen wir unsere Leute resilienter?


Sie lautet:

Unter welchen Bedingungen können Menschen langfristig handlungsfähig bleiben?


Damit verändert sich der Blick.

Dann geht es nicht mehr ausschließlich darum, was Mitarbeitende lernen müssen.

Es geht ebenso darum, welche Belastungen unvermeidbar sind und welche hausgemacht.

Welche Anforderungen zum Beruf gehören und welche durch schlechte Organisation entstehen.

Wo individuelle Regulation helfen kann.

Wo Teams Verantwortung übernehmen können.

Wo Führung gefragt ist.

Und wo eine Organisation aufhören muss, Anpassung zu verlangen und anfangen sollte, Bedingungen zu verändern.


Das ist anspruchsvoller als ein Resilienzseminar mit sieben Tipps für mehr Gelassenheit.

Aber Resilienz im Rettungsdienst verdient genau diese Differenzierung.

Denn Menschen darin zu unterstützen, mit einem anspruchsvollen Beruf gesund und professionell umzugehen, ist sinnvoll.


Sie dafür verantwortlich zu machen, sämtliche Folgen schlechter Bedingungen selbst zu kompensieren, ist es nicht.


Resilienz kann Menschen stärken.

Sie kann Verständnis schaffen.

Sie kann Regulation unterstützen.

Sie kann Handlungsspielräume vergrößern.


Aber sie kann nicht die Verantwortung einer Organisation übernehmen.

Und genau dafür sollte sie auch niemals benutzt werden.

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