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Wenn Zynismus zur Teamkultur wird: Warum schwarzer Humor nicht immer nur Humor ist


„Ohne schwarzen Humor hältst du es im Rettungsdienst nicht lange aus.“

Vielleicht.


Schwarzer Humor gehört für viele Menschen zum Rettungsdienst wie Funkgerät, Kaffee und die bemerkenswerte Fähigkeit, genau dann Hunger zu bekommen, wenn der Melder geht. Er kann verbinden, entlasten und Situationen erträglicher machen, für die normale Alltagssprache manchmal erstaunlich wenig zu bieten hat.


Manchmal ist ein makabrer Satz nach einem schwierigen Einsatz genau das, was ein Team braucht, um für einen Moment Spannung herauszunehmen. Menschen lachen nicht ausschließlich, weil etwas lustig ist. Sie lachen auch aus Erleichterung, Anspannung, Unsicherheit oder weil die Alternative gerade deutlich schwerer auszuhalten wäre.


Das ist nicht automatisch kalt.

Und schon gar kein Beweis dafür, dass jemand seinen Beruf oder seine Patienten nicht ernst nimmt.


Aber Humor kann noch etwas anderes.

Er kann verstecken.


Frustration. Erschöpfung. Verachtung. Hilflosigkeit. Distanz. Manchmal auch eine Teamkultur, in der längst Dinge normal geworden sind, über die niemand mehr ernsthaft sprechen möchte.


Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob schwarzer Humor im Rettungsdienst gut oder schlecht ist.


Sondern wann aus einem gemeinsamen Lachen etwas anderes geworden ist.



Schwarzer Humor kann eine ziemlich vernünftige Funktion haben


Rettungsdienst konfrontiert Menschen mit Situationen, die außerhalb dieses Berufes nicht zum gewöhnlichen Arbeitsalltag gehören. Schwere Verletzungen, Tod, Leid, soziale Notlagen, Gewalt, Angst, Kontrollverlust und manchmal die Absurdität, dass zwischen zwei emotional vollkommen unterschiedlichen Einsätzen gerade genug Zeit liegt, um den Kaffee erneut in die Mikrowelle zu stellen.


Menschen brauchen Möglichkeiten, solche Erfahrungen psychisch einzuordnen.

Humor kann dabei eine Funktion übernehmen. Er schafft Distanz. Er unterbricht Anspannung. Er ermöglicht einen Perspektivwechsel. Er verbindet Menschen über eine gemeinsame Erfahrung und kann das Gefühl vermitteln: Wir haben gerade etwas Schwieriges erlebt und stehen trotzdem noch hier.


Gerade schwarzer Humor kann dort entstehen, wo gewöhnlicher Humor kaum noch funktioniert.


Das muss man nicht romantisieren.

Aber man sollte es auch nicht vorschnell pathologisieren.

Nicht jeder makabre Spruch ist ein Hilferuf.

Nicht jedes Lachen nach einem belastenden Einsatz ist Verdrängung.

Und wer im Rettungsdienst schwarzen Humor benutzt, hat nicht automatisch seine Empathie an der Wache abgegeben.



Entscheidend ist nicht nur, worüber gelacht wird


Sondern was das Lachen mit den Beteiligten macht.


Humor kann entlasten.

Er kann aber auch abwerten.

Das ist ein Unterschied.


Wenn zwei Kollegen nach einem absurden Einsatz miteinander lachen und beide dadurch Spannung verlieren, erfüllt Humor eine andere Funktion, als wenn regelmäßig über Patienten, Auszubildende, Kollegen oder bestimmte Personengruppen gespottet wird.


Der Satz klingt vielleicht ähnlich.

Die Funktion ist eine andere.


Deshalb lässt sich schwarzer Humor nicht allein anhand einzelner Formulierungen beurteilen. Kontext, Beziehung, Situation und Wirkung spielen eine Rolle.

Wer lacht?

Über wen?

Wer kann mitlachen?

Wer wird zum Gegenstand?

Und was passiert, wenn jemand nicht mitlacht?

Spätestens bei der letzten Frage wird Teamkultur interessant.



Zynismus klingt manchmal verdächtig ähnlich wie Humor


Zynismus und schwarzer Humor sind nicht dasselbe.

Humor kann eine belastende Realität für einen Moment leichter machen.

Zynismus kann dazu führen, dass wir die Menschen innerhalb dieser Realität zunehmend abwerten.


Der Unterschied zeigt sich nicht immer in einem einzelnen Satz. Er zeigt sich häufig in einem Muster.


Aus „Das war jetzt wirklich absurd“ wird irgendwann „Die Leute sind doch alle bescheuert.“


Aus Frustration über wiederkehrende Einsätze wird Verachtung gegenüber den Menschen, die Hilfe suchen.


Aus einem Witz über eine schwierige Schicht wird eine Grundhaltung gegenüber dem Beruf.


Aus „Heute reicht es mir“ wird „Hier ist sowieso alles sinnlos.“


Und irgendwann ist der Zynismus so normal geworden, dass er gar nicht mehr auffällt.

Er gehört dann eben zur Wache.

So wie der Kühlschrank, der seit 2017 enteist werden müsste.



Sprache verändert, wie wir Menschen sehen


Das ist einer der Gründe, warum Zynismus nicht vollkommen harmlos ist.

Sprache beschreibt Realität nicht nur.

Sie strukturiert sie auch.


Wenn Patienten regelmäßig als „Kundschaft“, „Spezialisten“, „Stammgäste“ oder mit anderen abwertenden Begriffen bezeichnet werden, kann das zunächst wie typischer Wachhumor wirken.


Manchmal ist es genau das.


Problematisch wird es, wenn die Bezeichnung beginnt, die Wahrnehmung des Menschen zu ersetzen.


Dann kommt nicht mehr ein Patient mit einer bestimmten Geschichte.

Dann kommt „schon wieder so einer“.

Und mit dieser Einordnung entstehen Erwartungen.

Bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat.


Das bedeutet nicht, dass Einsatzkräfte jede Situation emotional neutral betrachten können oder müssen. Wer zum zehnten Mal mit demselben vermeidbaren Problem konfrontiert wird, darf genervt sein.


Professionalität bedeutet nicht, keine Gedanken zu haben, die in keinem Kommunikationsseminar auf eine PowerPoint Folie gehören würden.


Entscheidend ist, ob diese Gedanken unser professionelles Handeln bestimmen.



Empathie bedeutet nicht, jeden Einsatz emotional mitzunehmen


Auch hier lohnt sich Differenzierung.


Empathie wird manchmal so verstanden, als müsse man sich möglichst intensiv in jeden Menschen hineinfühlen.


Das wäre im Rettungsdienst auf Dauer vermutlich keine besonders nachhaltige Strategie.


Professionelle Nähe braucht Distanz.


Einsatzkräfte müssen handeln können, während andere Menschen Angst haben, leiden oder trauern. Sie müssen Entscheidungen treffen, Informationen strukturieren und manchmal emotional einen Schritt zurücktreten.


Distanz ist deshalb nicht automatisch Gleichgültigkeit.

Sie kann professionell notwendig sein.


Die Frage ist vielmehr, welche Art von Distanz entsteht.

Eine Distanz, die Handlungsfähigkeit ermöglicht?

Oder eine Distanz, bei der Menschen irgendwann nur noch als Störung wahrgenommen werden?


Zwischen beidem liegt ein erheblicher Unterschied.



„Wenn du das nicht abkannst, bist du hier falsch“


Dieser Satz gehört zu einer Berufskultur, die Härte gelegentlich mit Professionalität verwechselt.


Natürlich braucht Rettungsdienst Belastbarkeit.


Menschen werden mit Situationen konfrontiert, die emotional fordernd sind. Wer diesen Beruf ausübt, muss lernen, damit umzugehen.

Aber Belastbarkeit bedeutet nicht, dass nichts berühren darf.

Und Professionalität bedeutet nicht, dass jeder belastende Eindruck möglichst schnell in einen Witz verwandelt werden muss.


Menschen regulieren unterschiedlich.

Der eine redet.

Die andere braucht Ruhe.

Jemand macht einen makabren Spruch.

Ein anderer möchte genau das gerade nicht hören.


Keine dieser Reaktionen ist automatisch professioneller als die andere.

Problematisch wird eine Teamkultur dann, wenn nur noch eine Form der Verarbeitung akzeptiert wird.


Wenn Humor zur Eintrittskarte wird.

Wer mitlacht, gehört dazu.

Wer nicht mitlacht, ist zu empfindlich.


Dann erfüllt Humor nicht mehr nur eine entlastende Funktion.

Er reguliert Zugehörigkeit.



Neue Kollegen lernen sehr schnell, worüber man lachen muss


Besonders relevant wird das in Ausbildung und Einarbeitung.

Neue Mitarbeitende beobachten.


Sie beobachten, wie erfahrene Kollegen über Patienten sprechen. Wie nach Einsätzen reagiert wird. Was als normal gilt. Welche Gefühle gezeigt werden dürfen. Welche besser nicht.

Und sie lernen schnell.


Wenn eine Auszubildende nach einem belastenden Einsatz merkt, dass alle anderen sofort Witze machen, kann sie daraus schließen, dass genau das die angemessene Reaktion ist.

Vielleicht hilft ihr der Humor tatsächlich.

Vielleicht lacht sie aber auch mit, weil sie nicht als ungeeignet erscheinen möchte.


Das ist ein Unterschied, den von außen kaum jemand sieht.

Berufliche Sozialisation findet eben nicht nur in Unterrichtsräumen statt.

Sie passiert auch nachts um drei am Wachentisch.


Und manchmal besteht die wichtigste Lektion nicht darin, was jemand erklärt.

Sondern darin, was alle anderen für selbstverständlich halten.



Humor darf verbinden, ohne Menschen kleinzumachen


Ein Team darf lachen.

Sehr gerne sogar.


Arbeit unter hoher Verantwortung muss nicht in permanenter Ernsthaftigkeit stattfinden.

Humor kann Beziehungen stärken, Spannungen lösen und gerade in anspruchsvollen Berufen eine enorme soziale Ressource sein.

Aber Humor braucht Grenzen.


Nicht jede Pointe wird dadurch legitim, dass jemand „war doch nur Spaß“ dahintersetzt.

Wenn Humor dauerhaft auf Kosten derselben Person geht, wenn Auszubildende systematisch vorgeführt werden, wenn Patienten entmenschlicht werden oder wenn Kollegen lernen, bestimmte Themen nicht anzusprechen, weil daraus garantiert ein Witz gemacht wird, haben wir kein Humorproblem.


Wir haben ein Kulturproblem.

Humor ist dann lediglich die Verpackung.



Zynismus kann auch eine Botschaft über Arbeitsbedingungen sein


Nicht jeder Zynismus entsteht aus persönlicher Haltung.

Manchmal wächst er über Jahre.


Menschen erleben hohe Arbeitsbelastung, fehlende Einflussmöglichkeiten, wiederkehrende Konflikte, organisatorische Probleme oder Situationen, in denen sie das Gefühl haben, fachlich wenig bewirken zu können.


Wenn sich daran langfristig nichts verändert, kann sich die Haltung zur Arbeit verändern.


Aus Engagement wird Distanz.

Aus Distanz wird Gleichgültigkeit.

Aus Gleichgültigkeit vielleicht Zynismus.


Das bedeutet nicht, dass schlechte Arbeitsbedingungen jedes Verhalten entschuldigen.

Ein Mitarbeiter bleibt verantwortlich dafür, wie er Patienten und Kollegen behandelt.

Aber wenn in einem ganzen Team zunehmend dieselbe abwertende Sprache entsteht, wäre es ziemlich kurz gedacht, ausschließlich nach den problematischen Persönlichkeiten zu suchen.


Dann sollte Führung auch fragen:

Was passiert hier eigentlich?



Führung sollte Humor nicht überwachen


Die Vorstellung wäre ohnehin interessant.

Eine Wachleitung mit Klemmbrett, die morgens bewertet, ob der Sarkasmus noch innerhalb des zulässigen Bereichs liegt.

Nein.


Führung muss nicht jedes Wort kontrollieren.

Aber Führung prägt, was normal wird.


Sie entscheidet mit darüber, ob abwertende Sprache widerspruchslos stehen bleibt. Ob Mitarbeitende Belastung ansprechen können. Ob Kritik möglich ist. Ob Zynismus als unveränderbarer Bestandteil des Berufs betrachtet oder gelegentlich hinterfragt wird.


Und Führung kann etwas tun, das erstaunlich wirksam ist:

selbst anders sprechen.

Nicht moralisch.

Nicht demonstrativ.

Einfach professionell.


Teamkultur entsteht zu einem erheblichen Teil daraus, welches Verhalten dauerhaft soziale Zustimmung bekommt.



Nicht jeder zynische Kollege braucht ein Resilienztraining


Auch das wäre eine bequeme Lösung.

Der Mitarbeiter wirkt negativ.

Also schicken wir ihn in ein Seminar.

Danach kommt er bitte optimistisch zurück.

So funktioniert es selten.


Zynismus kann viele Ursachen haben. Persönliche Haltung. Überforderung. Frustration. Konflikte. Enttäuschung. Dauerhafte Belastung. Fehlende Gestaltungsmöglichkeiten. Oder schlicht eine kommunikative Gewohnheit, die sich über Jahre verfestigt hat.


Deshalb braucht es zunächst keine Diagnose.

Sondern Neugier.

Wann hat sich das verändert?

Ist die Person überall so oder nur bei der Arbeit?

Betrifft es einzelne Situationen oder inzwischen fast alles?

Wie wirkt die Haltung auf andere?

Was davon kann die Person selbst beeinflussen?

Was müsste das Team verändern?

Und gibt es organisationale Faktoren, die permanent neue Nahrung liefern?


Erst dann wird aus Beobachtung eine vernünftige Auseinandersetzung.



Die Grenze zeigt sich häufig an der Menschlichkeit


Vielleicht lässt sich die Unterscheidung zwischen schwarzem Humor und problematischem Zynismus auf eine relativ einfache Frage reduzieren:

Kann ich trotz meines Humors den Menschen vor mir noch sehen?

Den Patienten, der mich gerade nervt.

Die Auszubildende, die zum dritten Mal dieselbe Frage stellt.

Den Kollegen, der heute nicht besonders belastbar wirkt.

Die Führungskraft, die eine Entscheidung vertreten muss, die sie selbst nicht getroffen hat.

Und auch mich selbst.


Wenn Humor Distanz schafft und danach wieder Nähe möglich ist, kann er eine Ressource sein.


Wenn Distanz zum Dauerzustand wird, sollten wir genauer hinsehen.



Man darf auch sagen, dass einem etwas zu viel ist


Vielleicht wäre das sogar eine der stärksten Formen professioneller Teamkultur.

Nicht jede Belastung muss in einen Witz verwandelt werden.

Nicht jede Situation muss ausführlich besprochen werden.

Aber beides darf möglich sein.


„Der Einsatz hängt mir noch nach.“

„Heute bin ich wirklich durch.“

„Darüber möchte ich gerade keine Witze machen.“

„Lass uns kurz über das sprechen.“


Solche Sätze sollten in einem professionellen Team genauso Platz haben wie schwarzer Humor.


Denn Menschen brauchen nicht alle dieselbe Form der Verarbeitung.

Sie brauchen die Möglichkeit, eine passende zu finden.



Vielleicht sollten wir deshalb nicht fragen, ob schwarzer Humor erlaubt ist


Natürlich ist er das.


Die interessantere Frage lautet:

Welche Funktion erfüllt er gerade?

Hilft er uns, Spannung abzubauen?

Verbindet er?

Schafft er für einen Moment Abstand, damit wir danach wieder professionell handeln können?

Oder verhindert er, dass wir über etwas sprechen?

Macht er Menschen klein?

Ist aus einem gelegentlichen Ventil eine dauerhafte Haltung geworden?

Und können in unserem Team auch diejenigen dazugehören, die gerade nicht mitlachen möchten?


Schwarzer Humor ist nicht das Problem.

Er kann sogar eine ziemlich gesunde Antwort auf einen ziemlich ungewöhnlichen Beruf sein.


Aber Humor verliert seine entlastende Funktion dort, wo Verachtung beginnt.

Zynismus wird problematisch, wenn aus Distanz Gleichgültigkeit wird, aus Frustration Abwertung und aus einem gemeinsamen Lachen eine Kultur, in der niemand mehr merkt, worüber eigentlich gelacht wird.


Vielleicht braucht es deshalb gar nicht weniger schwarzen Humor im Rettungsdienst.

Vielleicht braucht es nur genügend Aufmerksamkeit dafür, wann wir noch über eine schwierige Situation lachen.

Und wann wir längst über die Menschen lachen, für die wir eigentlich da sind.

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